3. Referat Veranstaltung 18.9.2006
Bundeswehr Wegtreten - Miltitarisierung und aktuelle Kriege
Die Mobilisierung der
deutschen Bevölkerung zu Rassismus und
Krieg
Wer einen
Krieg führen will braucht nicht nur Militär, Soldaten und
Kriegsgeräte, sondern auch die Unterstützung der
Bevölkerung.
Kriege
kosten Geld, viel Geld, was aus den Kassen der öffentlichen Hand
zu kommen hat.
Kriege
bedeuten auch nach wie vor für die westlichen Länder, wenn
auch weniger als je zuvor: Tote Soldaten.
In
Afghanistan, wo die deutschen Soldaten angeblich eine ruhige Kugel
bisher schieben, sind bisher alleine 18 Soldaten ums Leben gekommen.
Die USA
haben aus dem Irak bereits über 1800 Soldaten im Zinksarg
zurückbekommen.
Die
heimische Bevölkerung ist also um ihre Zustimmung gefragt.
Über
die wirtschaftlichen Interessen spricht zwar ganz unverhohlen das
Neue Weißbuch der BW, wie Detlef Hartmann erzählt hat – aber, wer
liest das? Und die Kriegs-Propaganda ist natürlich nach außen
eine ganz andere, wie wir wissen:
Im Kongo
begleitet die BW ganz uneigennützig die ersten demokratischen
Wahlen, im Kosovo schützt sie die Roma vor den Übergriffen
nationalistischer Kosovaren, aber gibt den Roma trotzdem kein
Bleiberecht hier. In Afghanistan beschützen sie, wie bereits
gesagt, die Frauen. Und im Libanon ist die BW aus historischer
Verantwortung, wegen Auschwitz.
Weltweit
hat die BW zurzeit 7.800 Soldaten außerhalb der Bundesrepublik
im Einsatz, und zwar in 10 verschiedenen Ländern (Bosnien
Herzegowina, Kosovo, Mittelmeer, Sudan, Kongo, Äthiopien, Horn
von Afrika, Georgien, Afghanistan, Libanon)
Wie wir
sehen: Die BW scheut sich vor keiner „humanitären
Intervention“ in andere Staaten. Die Bevölkerungen dieser
Staaten müssen nur bemitleidenswert und deren Regierungen
hassenswert sein.
In
Deutschland ist aber nicht nur die Regierung und das Militär von
ihrer humanitären Gesinnung überzeugt, sondern auch die
Mehrheit der Bevölkerung.
Mit dieser
Überzeugung ausgestattet darf die Bundeswehr zu humanitären
Interventionen aufbrechen. Mal mit und mal ohne UN Mandat.
Kriege
bedürfen sowohl der Konstruktion von Feinden als auch der
Konstruktion von Schwachen und Hilflosen, die dringend Hilfe
brauchen.
Kriege
bedürfen der Konstruktion kultureller/religiöser Über-
und Unterlegenheit.
Unterlegen
sind natürlich die nichtwestlichen Länder. Wirtschaftlich,
kulturell, technologisch, Bewusstseins- und Bildungsmässig,
menschlich und überhaupt. Eigentlich
sind sie zu bedauern die Nichtwestlichen Länder, wenn sie nicht
gleichzeitig so gefährlich wären. Mit dem
westlichen Selbstbild des modernen, demokratischen, toleranten,
aufgeklärten, sozialen, zivilisierten, frauen- und
naturfreundlichen und Ökologiebewussten Rechts-Staates tritt die
BW gegen die Nichtwestlichen Gesellschaften an, die totalitär,
frauenfeindlich, unmodern, intolerant, religiös fanatisch und
mit einem Wort: barbarisch sind.
Das
Strickmuster ist einfach und schlicht und von uns allen hier, wenn
wir es einmal kapiert haben, ganz leicht zu durchschauen.
Dieses
Strickmuster ist jahrhunderte alt und kommt nicht erst in
Kriegszeiten zum Tragen. Zum
Beispiel liegt der Geschichte der Frauenunterdrückung das
gleiche Muster zugrunde:
Frauen
wurden als irrational, als kindisch, dumm, konservativ,
zurückgeblieben und unterentwickelt dargestellt, aber auch als
gefährlich, ansteckend und unberechenbar. Männer sind im
Gegensatz zu Frauen intelligent, rational, fortschrittlich und ihnen
überlegen. Aus diesem Grund mussten und müssen Frauen
einerseits von Männern kontrolliert und beherrscht andererseits,
aber auch beschützt, erzogen und entwickelt werden.
Dem
gleichen Strickmuster bedient und bediente sich der Kolonialismus und
die Ideologie des Rassismus.
Ob
innergesellschaftlich, international oder interkontinental - Immer
geht es gleichzeitig um die Aufwertung und Überhöhung und
andererseits um die Abwertung und Erniedrigung von Menschen. Und
immer
sind die Zu-Unterwerfenden einerseits gefährlich, andererseits
aber auch bemitleidenswerte Wesen, deren Beherrschung einem
Missionsauftrag gleichkommt. Und immer
geht es um Ausbeutung und Herrschaft, die zu legitimieren und
letztlich mit Gewalt durchzusetzen sind.
Nach dem
ich nun das grobe Strickmuster erzählt habe, komme ich jetzt zu
einem konkreten und aktuellen Beispiel, wie die deutsche Bevölkerung
zu Rassismus und Krieg mobilisiert wird. Ich habe hier bewusst ein
Beispiel ausgesucht, dass uns selbst (die „aufgeklärten“
Linken und FeministInnen) betrifft.
Feindbild
Nr 1 ist seit dem 11. September 2001 „der islamische
Fundamentalismus“ und damit geraten alle die dem Islam in
irgendeiner Art und Weise nahe stehen ins Visier.
Dieser
Krieg findet nicht nur nach außen statt, sondern hat auch nach
innen seine Auswirkungen. Unter dem Vorwand der „Terrorbekämpfung“
hat es erneut eine Verschärfung der Ausländergesetze
gegeben, Anti-Terrorismusgesetze sind erlassen worden, migrantische
Communities stehen unter Dauerbeobachtung des VS, die
Kameraüberwachung öffentlicher Plätze wird erweitert
und die Anzahl der Sicherheitskräfte hat zugenommen. Das Thema
„Innere und Äußere Sicherheit“ überschattet nicht
zum ersten Mal das Thema der sozialen Sicherheit und Armut in diesem
Land.
Auch hier
wird nicht nur ein Feindbild entworfen: der scheinbar eingedeutschte,
in Wirklichkeit aber gewaltbereite „muslimische Schläfer“,
sondern auch hier wird andererseits wieder jemand auserkoren, dem zu
helfen ist. Und wie bei der „humanitären Intervention“ in
Afghanistan sind es auch im Landesinnern mal wieder die Frauen, die
muslimischen Frauen, denen geholfen werden muss.
Das Thema
„Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ hat sich zunehmend in den
letzten Jahren zu einer Diskussion um Zwangsheirat, Ehrenmorde und
Kopfbedeckung reduziert und läuft ausschließlich
kulturalisiert ab.
Was meine
ich mit kulturalisiert?
Frauen aus
der Türkei, Afghanistan und dem Iran gelten nicht als vom
Patriarchat unterdrückt, sondern sie gelten in 1. Linie als
Opfer „ihrer islamischen Kultur“. Mit dem
Begriff „Patriarchat“ meine ich außerdem nicht die bloße
Herrschaft der Männer über die Frauen, sondern die weltweit
existierende Ideologie der Überlegenheit einer konstruierten
Rasse oder eines Geschlechts.
Jahrzehnte
lang haben Frauen und Lesben in der Bundesrepublik als Ursache der
strukturellen und personalen Gewalt gegen Mädchen und Frauen die
patriarchalische Verfasstheit der kapitalistischen Gesellschaft
benannt. Von „europäischer Kultur“ hat damals keine
gesprochen, der Frauenhass in der Bibel wurde nur am Rande erwähnt
und von „christlicher Kultur“ zu sprechen, wäre keiner in
den Sinn gekommen. Im
damaligen feministischen Bewusstsein, war das Patriarchat eine die
Welt beherrschende Ideologie, in der Frauen weltweit „Opfer von
Männergewalt“ waren.
Ich gehe
jetzt nicht darauf ein, dass Frauen natürlich nicht nur Opfer
des Patriarchats sind, sondern auch Nutznießerinnen,
AkteurInnen, Täterinnen.
Wer heute
allerdings für ein Engagement gegen Frauengewalt in der
Bundesrepublik noch Geld und Aufmerksamkeit bekommen will, die hat
nicht mehr vom „weltweiten Patriarchat“ zu sprechen, sondern
redet von der „islamischen Kultur“ die die Frauen unterdrückt,
und das nenne ich „kulturalisieren“. Ehrenmorde sind nicht
islamistisch, sondern patriarchal.
Die
Kulturalisierung von patriarchaler Gewalt gegen Frauen bedient
hervorragend den ohnehin vorhandenen Rassismus der deutschen
Mehrheitsgesellschaft, die sich damit als „kulturell höherwertig“
in Szene setzen kann und sich mit ihrer eigenen patriarchalen
Verfasstheit nicht auseinandersetzen will. Deutsche
behandeln ihre Frauen und Mädchen nicht scheiße. Deutsche
Männer wissen wie man mit Frauen umgehen muss. Und was ganz
wichtig ist: Deutsche Frauen und Männer können den Muslimen
und Musliminnen darin Nachhilfeunterricht erteilen.
Die
Deutschen - ein Volk von Feministinnen und Feministen?
Dabei sind
die Fakten ganz andere:
In
Deutschland wird nach wie vor alle paar Minuten eine Frau
vergewaltigt. Jedes 5-7 Mädchen und ungeschätzt viele Junge
werden aus ihrem Familien- und Bekanntenkreis sexuell missbraucht.
Laut Bundeskriminalamt ist der unsicherste Ort für eine Frau
nach wie vor die Familie. Und außerhalb des Landes, in Asien,
Afrika und Südamerika sind deutsche Männer mit die
hauptsächlichen Nutznießer der Kinder- und
Frauenprostitution. Soviel zur
feministischen und humanitären Gesinnung der Deutschen am
Beispiel „Krieg für Frauenrechte“.
Die
Mobilisierung der deutschen Bevölkerung zum Krieg gegen die
Nichtwestlichen Länder beginnt mit ihrem Überlegenheitsgefühl
und dem vorhandenen rassistischen Konsens, der allerdings auch
täglich wieder hergestellt werden muss.