2. Referat Veranstaltung 18.9.2006   Bundeswehr Wegtreten - Miltitarisierung und aktuelle Kriege

Gender und Krieg
Krieg wird heute zwischen Soldaten und der Zivilbevölkerung geführt. Das Verhältnis von toten Soldaten zu toter Zivilbevölkerung betrug im 1.Weltkrieg 95% Soldaten und 5% Zivile, im 2.Weltkrieg war das Verhältnis 45:55, mittlerweile ist der Prozentsatz auf über 90% gestiegen. Heute ist die Wahrscheinlichkeit für eine Frau, ihr Leben im Krieg zu verlieren, größer als die eines Soldaten. Und das ist kein Versehen oder Zufall oder dem technischen Stand der Kriegsführung geschuldet, sondern dieses Verhältnis ist gewollt. Das Kriegsziel ist die Zivilbevölkerung. Zu ihnen zählen überwiegend Alte, Kinder und Frauen. Die Sozialstrukturen sollen zerstört werden, die materielle Kultur, das Bewusstsein, das Selbstbild, die Körper, um moderne kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse durchzusetzen. Keine Gesellschaft verändert sich so schnell wie die in der Ausnahmesituation des Krieges, weil er mit einer ungeheuren Gewalt und Aggressivität geführt wird. Zur erklärten Kriegsstrategie gehört auch die Vergewaltigung. Nach der Genfer Konvention wird Vergewaltigung als „Verbrechen gegen die Ehre“ und nicht als Verbrechen, als Angriff auf die körperliche Integrität der Frauen selbst definiert. Die Zerstörung alter sozialer Verhältnisse ist intendiert, von Familien , von nachbarschaftlichen Strukturen als Voraussetzung zur Schaffung neuer Verwertungsbedingungen, gerade in Zeiten der Globalisierung.

Deswegen richtet eine radikale Friedensbewegung ihren Blick nicht allein auf die Frontberichterstattung, wie wir sie täglich in den Medien sehen, sondern auf das Alltagsleben im Krieg.


Konstruktion gender

Kriegsziele und Strategien werden geschlechtslos formuliert, doch permanent wird eine Geschlechterhierarchie reproduziert. Im Deutschen gibt es nicht diese Unterscheidung von Sex und gender, das biologische und das soziale Geschlecht. Wenn ich jetzt im folgenden von Geschlechtern rede, meine ich damit den englischen Begriff gender, der nicht das biologische Geschlecht meint, sondern das soziale und dieses ist eine sozial konstruierte Kategorie, die immer wieder neu hergestellt werden muss. Die zweigeschlechtliche Konstruktion Mann – Frau ist eine zentrale Bedingung für Krieg. Sie weist Männern die Charaktereigenschaften kämpferisch, aggressiv, heterosexuell, risikofreudig, unabhängig, staatserhaltend zu und für die Frauen sind gefühlvoll, friedlich, mütterlich, abhängig vorgesehen. Der Geschlechterdualismus und die daraus folgende Geschlechterhierarchie ist eine Bedingung für Krieg und wird über ihn immer wieder hergestellt.

Ich werde im folgenden in Ermangelung eines anderen Wortes doch von Frauen sprechen, meine damit jedoch das soziale Geschlecht. Frauen sind in diesem Sinne nicht eine homogene Gruppe, sie unterscheiden sich durch ihre Klassenzusammensetzung, durch ihrer Hautfarbe, durch ihre Handikaps, weil daran gesellschaftlich Privilegien, Ausgrenzungen, Unterdrückungen geknüpft sind, ein unterschiedlicher Zugang zu und Beteiligung an Macht.. Frauen sind nicht per se Opfer und Männer nicht per se Täter. Es gibt immer die aktive Entscheidung etwas zu tun oder nicht zu tun als Frau wie als Mann.

Schauen wir uns die Institution Militär und die Folgen seiner Existenz etwas genauer an:


  1. Das Militär baut grundsätzlich auf Aggression und Gehorsam auf und macht aus Jungen richtige Männer, sie werden geschliffen durch Drillausbildung mit Gewaltelementen, Schikane-Rituale, den Tausch der Zivilkleidung mit der Uniform. Kameradschaft unter Männern wird hergestellt, aber gleichzeitig auch die hierarchische Ordnung unter ihnen. Jet-Piloten gelten als die männlichsten und angesehensten. Hubschrauberpiloten sind die „Weichlinge“. Alle Flieger assoziieren Fliegen mit Erregung. Sie beschrieben ihre Kampfeinsätze am Golf zu fliegen als einen unglaublichen Höhepunkt. Es werden Eigenschaften trainiert, die nicht nur im militärischen Bereich gefragt sind wie Belastungen aushalten, Mut zeigen, Schmerzen ertragen, Gegner ausschalten, unter hohem Stress rational reagieren.. Gerade die verstärkte Technisierung der Kriegsführung bedeutet neue Art von Männlichkeit d.h. mit hoher professionalisierter und berechnender Rationalität zu agieren. Die Konstruktion einer soldatischen Männlichkeit baut darauf, Frauen grundsätzlich überlegen zu sein und bietet eine Identifikation mit der Gewaltausübung selbst.


  1. Die heutigen kriegerischen Konflikte gehen meistens von Männerbanden aus, wie in den Kriegen in Ex-Jugoslawien, West-Afrika, Tschetschenien. Sie ziehen marodierend durch Stadtviertel, überziehen Dörfer mit ihrer Gewalt, verbreiten Angst und Schrecken und hinterlassen eine Spur von Tod und Vergewaltigung und Raub. Die Konflikte werden von unterschiedlichen Staaten unterstützt, mit Waffen versorgt und sich an den geraubten Ressourcen bereichert. Damit entsteht für Frauen und Mädchen und insgesamt für Kinder eine völlig ungesicherte, gewalttätige Existenz.


  1. Militäreinsätze führen immer zu Entstehung von einer Sexindustrie v.a. der Zwangsprostitution in unmittelbarer nähe der Camps– das ist nicht nur zu den Welt-Kriegen im vergangenen Jahrhundert bekannt, sondern sie ist an jeder ausländischen Militärbasis anzutreffen, als auch bei jedem peace-keeping Einsatz. So erhöhte sich in Kambodscha durch den UNO-Einsatz die Zahl der Prostituierten während der Stationierung der Peacekeeping-Truppen innerhalb eines Jahres von 6.000 auf 20.000 mit einem hohen Anteil an Kinderprostitution; in Mozambique waren Peacekeeper in organisierte Kinderprostitution verwickelt; in Kroatien wurde durch deren Stationierung die Sex-Industrie zur größten Wachstumsindustrie des Landes. (Seifert 2001) Im Kosova befinden sich viele verschleppte Frauen aus der Ukraine, Moldawien oder Rumänien, dort haben die internationalen mafiösen Parallelstrukturen zu einer Blütezeit des Frauenhandels geführt und das ist ein riesiges Geschäft für die überwiegend beteiligten Männer. Diese Strukturen sind dann eine Realität in den sog. Friedenszeiten.


  1. Der Krieg erhöht das Gewaltniveau in den Familien und der Gesellschaft. Viele Untersuchungen zeigen, dass die Gewalt auch die Gewalt in den kriegsführenden Gesellschaften zunimmt, eklatantes Beispiel dafür war die Ermordung von drei Frauen durch ihre Ehemänner, nach Rückkehr von ihrem Einsatz als Bomberpiloten im Irak.


  1. Vergewaltigung ist eine Kriegsführungsstrategie, sie ist kein aggressiver Ausdruck von Sexualität, sondern ein sexueller Ausdruck von Aggression, es geht um die Erniedrigung, um Zerstörung des Gegners. Vergewaltigungen dienen der Selbstvergewisserung von Männlichkeit und Macht. Da Soldaten im Krieg ständigen Angst- und Ohnmachtgefühlen ausgesetzt sind, können Vergewaltigungen dazu dienen, Machtgefühle zurückzugewinnen und Angst abzubauen. Vor einigen Wochen war in der Presse über folgendes Verbrechen zu lesen: Im März d.J. spielten vier junge GI’s Karten und tranken Whisky, dabei sprach der Hauptangeklagte immer wieder davon, Iraker töten zu wollen. Sie beschlossen zu einem ihnen schon vorher aufgefallen Haus einer irakischen Familie zu gehen. Die 14-jährige Tochter und ihr Vater wurden ins Haus geschleppt, die Eltern und eine 5jährige Tochter im Nebenraum erschossen, währenddessen vergewaltigten 2 GI’s die 14jährige. Anschließend kam der Mörder und vergewaltigte das Mädchen ebenfalls, erschoss sie, goss Öl über ihren Leichnam und verbannte sie. Nach der Rückkehr zum Kontrollpunkt haben sie Hühnchenflügel gegrillt.


Wie wir alle wissen, wird in sog. Friedenszeiten vergewaltigt. Ich will hier nur einen spezifischen Aspekt ansprechen: In Kriegszeiten wird die Vergewaltigung benutzt, um militärisch von außen zu intervenieren, weil nicht die „eigenen“ , sondern die fremden Männer vergewaltigen. Vergewaltigung bedeutet im patriarchalen Kontext des Krieges eine Verletzung des Besitzrechts von Männern und Staaten und bedeutet eine rassische „Zersetzung“ des Nationalvolkes. Wenn Massenvergewaltigungen zum Plädoyer für eine militärische Intervention durch die UNO benutzt werden, geht es nicht um die Gewalt gegen Frauen, sondern um die Bedrohung einer Bevölkerung z.B. der Bosnierinnen, das heißt auch, dass gleichzeitig eine sog. Ethnisierung stattfindet. So wie die Nationalisten die Erfahrung der betroffenen Frauen für die Nation bzw. für das neu ethnisierte „bosnisch-moslemische Volk“ funktionalisieren, annektieren westliche Frauen die Verbrechen an den Frauen als Verbrechen an „uns“, an „allen Frauen“, am Geschlecht. Im einen wie im anderen Fall wird die reale Gewalterfahrung von Frauen für andere Zwecke instrumentalisiert und so die Realität der Frauen selbst negiert. In den meisten von Krieg überzogenen Gesellschaften wird Vergewaltigung tabuisiert, das bedeutet, die Opfer können nicht darüber sprechen und bleiben mit ihren Verletzungen allein. Ist die Vergewaltigung bekannt, müssen Frauen oft mit dem Ausschluss aus ihren sozialen Strukturen/Familien rechnen. Lebt die Frau in einer Gesellschaft, in der die Jungfräulichkeit unverheirateter Frauen einen hohen sozialen Wert besitzt, müssen sie damit rechnen, misshandelt oder getötet zu werden, das wird dann Ehrenmord genannt – darüber berichten Frauen aus dem heutigen Irak und anderen Kriegsgebieten. Das Geschlechterverhältnis verändert sich über diese Gewalttat – auch intendiertes Kriegsziel.


Wir wollen jetzt an zwei Länderbeispielen die Lebenssituation von Frauen im Krieg hervorheben: Afghanistan und Irak, dabei werden wir einige Gesichtspunkte herausgreifen, die die Lebenssituation der Frauen andeuten, sie aber nicht umfassend beschreiben.


1. Afghanistan

Zur Vorinformation bezüglich der Situation von Frauen in Afghanistan sei hier angemerkt, dass es dort seit Jahrzehnten eine recht aktive Frauenbewegung gibt und die Situation von Frauen vor dem Regime der Taliban nicht annähernd mit der heutigen vergleichbar ist. Es ist also absolut nicht so, dass in Ländern mit einem islamisch religiösen Hintergrund die Frauen keine emanzipatorischen Entwicklungschancen haben. Sie haben sie natürlich, sofern nicht Millionen Dollar in die Hände frauenfeindlicher Banden und Militärs geraten.

Noch im Jahre 2001, vor dem 11.September, hatte die US Regierung den Taliban 43 Millionen Dollar für die Eindämmung des Opium-anbaus zukommen lassen. 43 Mio Dollar, über diese Zahl liest es sich so schnell hinweg, sind eine Menge Geld und wenn sie in die Hände von miesen machtgeilen und gewalttätigen Typen geraten, z.B in der Bundesrepublik in die Hände von Neonazis oder Hells Angels, dann lässt sich damit sehr schnell eine Privatarmee bewaffnen und zusammenstellen, denen man monatlich sogar einen Sold bezahlen kann und dabei muss man wissen, dass dort ein Arzt mal gerade 50 Dollar pro Monat verdient. Also:

Am 7. Oktober 2001 begannen die USA mit der Bombardierung Afghanistans mit dem Ziel Bin Laden aufzustöbern und das von ihnen bis dahin unterstützte Talibanregime zu stürzen. Im Vordergrund wurde aber auch noch ein anderer wichtiger Grund propagiert und zwar die Unterdrückung der afghanischen Frauen zu beenden. Fünf Wochen später verkündete Amerikas First Lady Laura Bush: „Dank unserer militärischen Siege in weiten Teilen Afghanistans sind die Frauen nicht mehr in ihren Häusern eingesperrt. Der Kampf gegen den Terrorismus ist zugleich ein Kampf für die Rechte und die Würde der Frauen.“

Amnesty International kam zwei Jahre später zu einem anderen Ergebnis:
„Sowohl die internationale Gemeinschaft als auch die afghanische Übergangsregierung unter Präsident Karsai sind unfähig die Frauen zu schützen. Die von bewaffneten Gruppen und ehemaligen Kriegsteilnehmern ausgehende Gefahr von Vergewaltigung und sexueller Gefahr ist nach wie vor hoch.“ Was das Leben für Frauen in dort bedeutet hat und immer noch bedeutet ist bereits von Maria bezüglich des Iraks geschildert worden.

Human Rights Watch schrieb im Juli dieses Jahres, das seit Jan. 2005 alleine 204 Angriffe auf Lehrer, SchülerInnen und Schulen stattgefunden haben.

UNIFEM (UN Development Fund for Women = UN Entwicklungsfon für Frauen) machte in den letzten 2 Jahren eine Untersuchung unter Witwen in Afghanistan, nachdem die Zahl der Selbstmorde unter ihnen drastisch zugenommen hatten. Letzten Monat wurde das Ergebnis veröffentlicht: 65% der 50.000 Witwen in Kabul sehen Selbstmord als die einzige Möglichkeit ihrer schwierigen Lage zu entkommen. Die Mehrzahl der afghanischen Frauen sind Opfer seelischer und sexueller Gewalt.

Spiegel Online veröffentlichte diesen Monat, dass der vom Westen unterstützte und mittlerweile gewählte Präsident Karsai erneut eine Behörde namens „Abteilung für die Pflege der guten Sitten und Verhütung von Laster“ einrichten will. Das heißt in Afghanistan werden voraussichtlich bald wieder Sittenwächter und Religionspolizei ihren Dienst erfüllen.


Was sagen Frauen in Afghanistan zu der Situation dort, was sagen sie zur Einmischung aus dem Westen?

Unsere Informationen stammen ausschließlich von der afghan. Frauenorganisation RAWA, (Revolutionary Association of the women of Afghanistan) die auch eine für uns lesbare Webseite unterhält und sich ebenfalls in westlichen Medien zu Wort meldet. RAWA unterhält in Afghanistan zahlreiche Schulen, die sie zum Teil bis heute verdeckt betreibt, denn immer noch ist besonders die Frage der Beschulung von Mädchen ein umkämpftes Thema. Sie vertreiben außerdem eine Zeitung im Land, aber alle Aktivitäten müssen von ihnen aufgrund ihrer großen Gefährdung verdeckt passieren.

Die afghan. Frauenorganisation RAWA veröffentlichte 2004 in der Guardian:

“Der „Krieg gegen den Terror“ hat zwar das Taliban-Regime gestürzt, nicht aber den religiösen Fundamentalismus als wesentliche Ursache des Elends der afghanischen Frauen beseitigt. Vielmehr haben die USA, in dem sie die Kriegsherren wieder an die Macht gebracht haben, schlicht ein frauenfeindliches Fundamentalistenregime durch ein anderes ersetzt….. Es gibt weder Frieden noch Stabilität oder Sicherheit. Präsident Karsai ist gefangener seiner eigenen Regierung, der nominelle Kopf eines Regimes, in dem ehemalige Kommandeure der Nordallianz die eigentliche Macht haben.“

Von 1992 bis 2001 wurden afghanische Frauen von Fundamentalisten jeglicher Couleur, ob Dschihadis oder Taliban, wie Vieh behandelt. Einige westliche Intellektuelle vertreten die These, diese Unterdrückung wurzele in afghanischen Traditionen und Kritik daran sei respektlos gegenüber der kulturellen Andersartigkeit. Die afghanischen Frauen selbst jedoch sind keine stummen Opfer. Es gibt Widerstand, aber man muss genau hinsehen, um ihn zu erkennen, denn jede ernsthaft antifundamentalistische Gruppierung muss in der Halblegalität arbeiten. Die Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA) war bereits unter den Taliban verboten und kann noch heute kein Büro in Kabul eröffnen. ..

Auf die Frage was denn RAWA von den westlichen Ländern fordere antwortete 2002 ein Mitglied:

„Der Feminismus braucht nicht importiert zu werden; er hat in Afghanistan bereits Fuß gefasst. Schon lange vor den US-amerikanischen Bombardements versuchten progressive Organisationen, Freiheit, Demokratie, eine säkulare Gesellschaft und Frauenrechte zu etablieren. Damals zeigten die westlichen Regierungen und Medien kaum Interesse an der Not der afghanischen Frauen. Als RAWA vor dem 11. September 2001 der BBC, CNN, ABC und anderen Sendern die filmische Dokumentation der Hinrichtung Zarmeenas übergab, hieß es, das Filmmaterial sei zu schockierend, um gesendet zu werden. Nach dem 11. September jedoch wurde die Dokumentation mehrmals von den gleichen Medienanstalten ausgestrahlt. Außerdem wurden einige Fotos von RAWA, die Misshandlungen von Frauen durch die Taliban dokumentierten, benutzt - übrigens ohne unsere Genehmigung. Sie wurden auf Flugblättern reproduziert und von amerikanischen Kriegsflugzeugen bei ihren Einsätzen über Afghanistan abgeworfen. „

„Wir fordern, dass sie aufhören, fundamentalistische Gruppen zu unterstützen. Diese müssen entwaffnet und für ihre Kriegsverbrechen verurteilt werden. Stattdessen sollen sie demokratische Gruppen unterstützen. Es hätte andere Wege gegeben, die Taliban zu stürzen als Bombardierungen. So wurde die Nordallianz gestärkt. Wir wollen nicht, dass ein spezifisches Land Truppen nach Afghanistan sendet, sondern dass größere UNO-Truppen stationiert werden, damit die Entwaffnung von fundamentalistischen Gruppen möglich wird. Die ökonomische Unterstützung der Regierung ist zurzeit nicht sinnvoll, weil diese die Leute niemals erreichen wird, sondern nur die Warlords und somit den Krieg stärkt.“

Im April 2006 erklärte RAWA in einer Veröffentlichung: „RAWA hat wiederholt drauf verwiesen, dass Freiheit und Wohlstand nur mit eigenen Kräften erreicht werden können, denn keine ausländische Macht kann Botschafter von Frieden und Sicherheit in Afghanistan sein.“



2. Irak

Der UNHCR berichtet, dass sich nach dem Sturz der irakischen Regierung im April 2003 die Lage der Frauen in rechtlicher wie in tatsächlicher Hinsicht insgesamt kontinuierlich verschlechtert hat. Aber Frauen kommen in der Berichterstattung über den Irak Krieg fast nicht vor, das betrifft 55-60% der Bevölkerung, die unsichtbar gemacht werden.

Schon die Bombardements im 1. Golfkrieg 1991 zerrütteten das Familienleben, die Mittelklasse profitierte von der Vergabe von Privilegien, viele Familien waren durch die Sanktionen gegen den Irak von Überweisungen aus dem westl. Ausland durch Verwandte angewiesen. Für Frauen mit niedrigen Einkommen in der Stadt oder für Frauen auf dem Lande wurde das schiere Überleben zum Lebenszweck. Während der Sanktionen waren 60% der Bevölkerung von monatlich Nahrungsmittelrationen abhängig, heute sind es nahezu 100%, die von den Besatzungsstreitkräften verteilt werden. Frauen, die beruflich aktiv waren, wurden in traditionelle Rollen als Hausfrau und Mutter zurückgedrängt. Die weibliche Beschäftigungsquote verringerte sich um 50%. Der Analphabetismus stieg von 8 auf 45%. Viele Familien können sich den Schulbesuch der Kinder nicht mehr leisten, v.a. gibt es einen drastischen Rückgang beim Schulbesuch von Mädchen. Arbeitende Frauen leiden besonders unter dem Zusammenbruch ihres Unterstützungssystems wie Krabbelgruppen, Kindergärten usw. und das andere wichtige Unterstützungssystem beruhte auf der erweiterten Familie und Nachbarschaftsbeziehungen. Früher wuchsen Kinder inmitten erweiterter Familien auf, oder konnten bei den Nachbarn abgegeben werden – diese Strukturen sind zerstört. Aufgrund der schwierigen Versorgungslage denken heute erst alle an sich selbst, Verwandtenbesuche finden nicht mehr statt, weil man sie nicht in Verlegenheit bringen will, ihnen eine Mahlzeit vorsetzen zu müssen. Plünderungen, Einbruch, Mord, Vergewaltigung sind gegenwärtig weit verbreitet, deswegen gehen besonders die Mädchen und Frauen nicht mehr auf die Straße, das Land ist zu einer „no-Woman-Zone“ geworden. Frauen im Exil berichten, dass ihre Männer in den letzten Jahren gewalttätiger und ausfälliger geworden seien.

Frauen beklagen den Niedergang moralischer Werte wie Ehrlichkeit, Großzügigkeit und Gastfreundschaft, Geselligkeit. Eine Frau formulierte es so: “Weißt du, Brücken und Häuser lassen sich leicht wieder aufbauen. Das dauert, aber das geht. Aber was sie wirklich zerstört haben, das sind unsere Moral und unsere Werte. Ehrlichkeit lohnt sich nicht mehr. Die Leute sind korrupt und raffgierig geworden. Vertrauen ist ein sehr seltenes Wort geworden und Neid gibt es selbst in der engsten Verwandtschaft“. Diese Verhaltensweisen, Ängste und Individualisierungen sind nötig, um uns zu gut bekannte Konkurrenzen aufzubauen, die eine moderne kapitalistische Gesellschaft zur Ausbeutung benötigt.


Im April 2003 sind Frauenorganisationen und –initiativen wie Pilze im ganzen Irak aus dem Boden geschossen. Sie haben bisher die konservativen Gesetze z.T. verhindern können die Heirat, Ehre, Scheidung und Sorgerecht betreffen. Sie betreiben Rechtsberatung, kostenlose Gesundheitsversorgung, gründeten Frauenzentren und Frauenbibliotheken und Internetcafes usw. Im Irak sowie in anderen Ländern der Region gibt es eine lange Geschichte einheimischer Kämpfe um Frauenrechte und Frauenbewegung. Die Organisation „ Für die Rechte der Frauen im Irak“, sie organisiert Demonstrationen gegen Vergewaltigung, Entführung und „Ehrenmorde“, gibt eine Zeitung heraus und unterhält Schutzräume für Frauen, die von Gewalt und Mord bedroht sind,. Sie beklagt die Einteilung der Menschen auf der Grundlage von religiösen, ethnischen Hintergründen und entlang von Stammeslinien. Houzan Mahmoud, eine Vertreterin der Organisation sagt: „Der Krieg schafft und installiert ein Regime, das uns nicht repräsentiert. Die Verfassung repräsentiert die reaktionäre Gesinnung derjenigen, denen zur Macht verholfen wurde, und wir haben von ihnen bis jetzt nicht Gutes erfahren. Wir kämpfen für Freiheit, Gleichberechtigung und Säkularität im Irak und sind dafür bekannt, kompromisslos gegen die Besatzung zu kämpfen. Was jetzt im Irak geschieht, ist das Resultat der Besatzung.“


Die Geschlechterverhältnisse sind als grundlegendes Moment von Krieg, Militarismus und Kriegslogik zu fassen. Doch selbst in der Anti-Kriegsbewegung taucht dieses Gewaltverhältnis höchstens als Neben-Sache auf: als „Frauen-als-Opfer“ oder „FrauenundKinder-als-Opfer“. In dieser Sichtweise bleiben Frauen Objekte, die Hierarchisierung wird fortgeschrieben. Die Opferrolle als auch die Mittäterschaft von Frauen ist das Pendant des patriarchalen Mannes. Männer greifen zu stärkeren Worten, sie rotten sich zusammen, sie greifen zu den Waffen, sie vergewaltigen. Frauen militarisieren sich anders: sie fangen an Nationalgerichte zu kochen, sie sind stolz auf ihre „starken“ kompromisslosen Söhne und Ehemänner, sie stärken ihnen den Rücken, sie beteiligen sich an logistischen Unterstützungen, sie reden nicht mehr mit den ethnisch-anderen Nachbarinnen. Geschlechtsspezifische Wege zum Krieg – ohneeinander nicht denkbar.

Diese Aussagen beschreiben einen Kriegszustand, Foucault sagt: “Krieg besteht nicht nur in tatsächlichen Kampfhandlungen, sondern in einem Zeitraum – das ist der Kriegszustand“. Und zum Kriegszustand gehört der Frieden hier, er ist Teil des Kriegszustandes woanders. Krieg beginnt nicht mit dem Griff zu den Waffen. Er wird in der Normalität bereitet – in strukturellen und globalen Polarisierungen, Ungleichheiten und Ausschlüssen, in medialen und politischen Diskursen, in den persönlichen Denkweisen, die die eigene Normalität als einzige und einzig richtige Wirklichkeit sehen, in der Ausblendung und Verleugnung anderer Wirklichkeiten. Rassismen, Sexismen, das Prinzip der Überlegenheit über andere – der Normalzustand? Hieran wird der folgende Beitrag gleich anknüpfen.


Schlusswort

Staat und Militär stellen eine Gefahr dar für die Sicherheit von Individuen und besonders von Frauen, der Staat ist kein Sicherheitslieferant und das Militär kein Sicherheitsgarant. Als Feministinnen setzen wir nicht bei nationalen oder internationalen Systemen an und bei der Frage auf wessen Seite mensch sich schlagen sollte, sondern beim Individuum oder der Gemeinschaft oder den sozialen Beziehungen, besonders den Geschlechterbeziehungen. Feministinnen definieren Sicherheit als multidimensionalen Begriff, der die Verminderung von allen Formen der Gewalt bezeichnet. Deshalb setzt Sicherheit bei den sozialen Beziehungen an, auch zwischen den Geschlechtern.