Camp-Diskussion| Aufstandsbekämpfung (und wir)

Sonntag, 2. Juni 2013

Beim War Starts Here Camp entstand die Idee, die dort oft nur angerissenen Diskussionen in Form öffentlicher Briefe fortzusetzen.

Alle bisherigen Briefe könnt ihr hier nachlesen.

 

Aufstandsbekämpfung (und wir)

 

Dieser Texte ist ein Versuch, die am „War starts here Camp“ vom September 2012 geführten Diskussionen zu vertiefen, die offenen Fragen zu konkretisieren. Eine (wesentliche) Schlussfolgerung aus den Diskussionen im Camp ist für uns die Notwendigkeit, den Begriff Krieg (auch Militarisierung) nicht auf Panzer, Soldaten, Bomben, Tod und Zerstörung zu reduzieren. Die bisherige Auseinandersetzung mit der Theorie der Aufstandsbekämpfung (zur Klärung des Kriegs-Begriffs) scheint uns sowohl notwendig wie auch unzureichend. Deshalb wollen wir mit diesem Text versuchen, die Notwendigkeit zu begründen, Krieg als vielschichtig und facettenreich zu verstehen. Daraus ergibt sich eine Antwort auf die Frage: Warum sollten wir uns (genau jetzt) mit Aufstandsbekämpfung auseinandersetzen? Was wir versuchen wollen, ist, diese Analysen für uns fruchtbar zu machen und praktische Konsequenzen daraus zu ziehen. Der Text gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil versuchen wir, die Begriffe zu klären und die Essenz aus den geführten Diskussionen herauszuarbeiten. Diese Auseinandersetzung mit Begriffen und Theorien war für uns wichtig und fruchtbar, deshalb ist sie Teil dieses Textes. Die spannenderen Fragen finden sich jedoch im zweiten Teil, wo wir versuchen, die Diskussion um Gegenstrategien zu konkretisieren.

 

 

1. TEIL „ANALYSE“

 

 

Kurzer Rückblick

 

Die „neuere“ Geschichte der Aufstandsbekämpfung hat ihre Wurzeln in den „Misserfolgen“ regulärer Armeen in urbanem Terrain. In einer 1994 erschienen Studie in einer Zeitschrift des (amerikanischen) Army War College heisst es: „Die Zukunft der Kriegstechnik liegt in den Strassen, den Abwasserkanälen, den Hochhäusern und in der unkontrollierbaren Expansion der Bauten, aus denen die fragmentierten Städte der Welt bestehen. “(…) Unsere jüngste Militärgeschichte ist von Städtenamen geprägt – Tuzla, Mogadischu, Los Angeles, Beirut, Panama, Hue, Saigon, Santo Domingo – aber diese Kämpfe waren lediglich der Prolog, das eigentliche Drama wird noch kommen.“

 

Die COIN-Doktrin wurde zunächst 2006 im Counterinsurgency Field Manual der US Armee und des Marine Corps und dann Anfang 2009 im U.S. Government Counterinsurgency Guide kodifiziert und hat sich in der Nato-Diskussion und im Ansatz von ISAF niedergeschlagen.“ Peter Rudolf von der Stiftung für Wirtschaft und Politik, bezeichnet diesen Ansatz als „neoklassisch“. „Die klassische britische und französische Counterinsurgency-Literatur, insbesondere das 1964 erschienene Buch „Counterinsurgency Warfare: Theory and Practice“ von David Galula, wurde vor dem Hintergrund des Irak-Kriegs (…) wiederentdeckt.“ Dabei wurden v.a. (aber nicht nur) Erfahrungen mit Auseinandersetzungen in Kolonien interpretiert (Malaya, Algerien, Vietnam…). „Die gegenwärtige Counterinsurgency-Doktrin ist jener sehr ähnlich, die während des Vietnam-Krieges entwickelt wurde. Doch damals hatte die Doktrin nur geringe Auswirkungen auf die militärische Praxis.“ Das notwendige Wissen für diese Aufstandsbekämpfung, die Erforschung des „human terrain“ wird von einer militarisierten Anthropologie („Wissenschaft vom Menschen“, die sich klar auf der Seite des Militärs positioniert) produziert, die zahlreiche Vorläufer hat, so z.B. die Erfahrungen der Kolonialgeschichten, im Zweiten Weltkrieg, im Vietnamkrieg (Phoenix-Projekt), gegen die Black Panthers.

 

Traditionelle Taktiken der Kriegsführung in Irak und Afghanistan haben sich als unzureichend erwiesen (aufgrund Tendenz der Verschiebung der Kriegs-Form vom symmetrischem hin zum asymmetrischem Krieg). Und zwar insbesondere aufgrund mangelndem Verständnis für die „Funktionsweise des Feindes“, (bspw. wie die Gesellschaft „funktioniert“ gegen die man Krieg führt). Dieses mangelnde Wissen wird von „embedded scientists“, oder von einer „bewaffneter Sozialarbeit“ geliefert, die vor Ort durch ihr soziales Engagement die benötigten Informationen sammelt. In den USA bspw. durch das American Enterprise Institut (AEI) und in Europa exemplarisch durch den deutschen Think Tank „Sonderforschungsbereich 700“ (SFB700), der in „Räumen begrenzter Staatlichkeit“ nach „neuen Formen des Regierens“ sucht. Aus dem AEI kamen Texte, die forderten, aus den Erfahrungen mit Aufstandsbekämpfung auf den Philippinen für den Irak zu lernen. Montgomery McFate und David Kilcullen, beide sogenannte „kriegerische Intellektuelle“, die klar eine Zusammenarbeit von Anthropologie und Militär fordern und praktizieren, schrieben zusammen mit Irak- General David Petraeus ein Militärhandbuch zur Aufstandsbekämpfung.

 

Die aktuelle Aufstandsbekämpfung, ihre Theorie und Praxis, steht in Beziehung mit ihrer „älteren“ Geschichte. Erfahrungen werden aufgenommen und weiterentwickelt. Die Dringlichkeit, sich jetzt mit Aufstandsbekämpfung auseinanderzusetzen darf nicht dazu führen, unsere Gegenwart als radikal neu, als Bruch mit vergangenen Praktiken zu denken.

 

 

Urban Operations in the Year 2020“

 

Der Bericht der „Nato Research and Technology Organisation“, „Urban Operations in the Year 2020“ geht davon aus, dass im Jahr 2020 die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten leben wird und davon wiederum die Mehrheit in relativ beschissenen Verhältnissen. Daraus könnten „Spannungen entstehen, die möglicherweise zu Aufständen, zivilen Unruhen und Bedrohungen für die Sicherheit führen, die die Intervention der örtlichen Behörden notwendig machen.“ Solche Aufstände und zivile Unruhen erwartet der Bericht auch in Europa.

 

Die „USECT“-Strategie (Abk. Understand, Shape, Engage, Consolidate, Transition) soll einerseits verhindern, dass es soweit kommt und andererseits die Armeen befähigen, einen „asymmetrischen Krieg“, das heisst, einen „Krieg vierter Generation“ zu führen und zu gewinnen.

 

Dieser Forschungsbericht der Nato von 2003 hat auch die offizielle Strategie der Nato beeinflusst. 2010 erschien das Strategiepapier „Active Engagement, Modern Defensive“, an dem seit 1991 gearbeitet wird. Das aktuelle Strategiepapier enthält drei Kernpunkte zur Wahrung der Sicherheit des Nato-Territoriums und ihrer Bevölkerungen. Neben kollektiver Verteidigung und kooperativer Sicherheit wird ein Krisenmanagement empfohlen (oder vorgegeben), das vor, während und nach Konflikten mit politischen und militärischen Mitteln Sicherheit herstellen soll. Das heisst, der Forschungsbericht „2020“ hat Eingang gefunden in die offizielle Strategie der Nato. Denn was anderes als Aufstandsbekämpfung will eine Forderung, Krisen zu verhindern, oder zu verwalten und danach zu stabilisieren?

 

Gemäss dem 2020-Bericht gehen die Kriegsstrategen also davon aus, dass Aufstandsbekämpfung zur relevanten Strategie auch und insbesondere in Europa werden wird.

Räume begrenzter Staatlichkeit“

 

Aufstandsbekämpfung wird als ein Mittel propagiert, um Krieg in sogenannten „Räumen begrenzter Staatlichkeit“ zu führen. Dazu zählen sowohl „Kriegsgebiete“ wie Irak oder Afghanistan, aber ebenso französische Banlieus oder Neukölln. Die „militärische Anthropologie“ soll Antworten finden auf Fragen, die sich im Kontext „begrenzter Staatlichkeit“ stellen. In zivil-militärischer Zusammenarbeit werden demnach Räume untersucht, in denen nicht gesichert ist, wer von wem und ob überhaupt regiert wird. Dass in bestimmten Räumen die Staatlichkeit begrenzt ist, kann vieles heissen. Bürgerkrieg, Warlords, mafiöse Strukturen, oder Zerfall der Rechtsstaatlichkeit… Begrenzte Staatlichkeit kann aber vor allem auch heissen, dass der Zugriff des Staates auf das Leben zurückgedrängt wird. Dass die Polizei die Kontrolle darüber verliert, was getan oder nicht getan werden kann. Dass sich die Kontrolle über das Leben, seine Verwaltung nicht mehr (oder nur noch teilweise) in staatlicher Hand befindet. Aufstandsbekämpfung legitimiert sich durch die Möglichkeit des Aufstands. Sie zielt also dorthin, wo die Stabilität der Verhältnisse nicht (mehr) gesichert ist, in Gefahr ist (beispielsweise Vorstädte oder Slums) und möglicherweise einen Keim an Unvorhersehbarkeit/ Kontrollverlust besteht.

 

Räume begrenzter Staatlichkeit“ müssen also nicht ausschliesslich als Schreckensszenario von Gewalt und Chaos gedacht werden. Dieser Begriff umfasst auch die Möglichkeit von Leben, das auf emanzipatorische Weise dem staatlichen Zugriff entrissen wird.

 

 

Kapitalismus und sozialer Krieg?

 

Zur Klärung des Kriegs-Begriffes ist es notwendig, ihn mit den kapitalistischen Angriffen in Verbindung zu bringen. Dazu verwenden wir den Begriff des sozialen Krieges. Da dieser Begriff unterschiedlich gebraucht wird, noch ein paar Worte zu unserer Verwendung: Unter sozialem Krieg verstehen wir einen kapitalistischen Angriff von oben nach unten. Wieso nun dieser Begriff und nicht Klassenkampf von oben, herrschende Verhältnisse, strukturelle Gewalt…? Blosse Effekthascherei? Wir sind davon überzeugt, dass der Begriff “sozialer Krieg” uns analytische Werkzeuge in die Hand gibt, die besser (zumindest im Moment) als andere Begriffe dazu geeignet sind, die Gegenwart zu verstehen. Wenn wir versuchen, Krieg als vielschichtig und facettenreich zu verstehen, ihn nicht auf Bomben zu reduzieren, brauchen wir Begriffe, die es erlauben Krieg auch als etwas anderes als Bomben und Soldaten zu denken. Unserer Ansicht nach, gelingt das durch den Begriff des sozialen Krieges. Weiter wird es durch diesen Begriff möglich, sowohl den “Bomben-Krieg” wie auch den Krieg auf anderen Ebenen mit dem Kapitalismus in Verbindung zu bringen. Und wenn wir den gegenwärtigen kapitalistischen Angriff als sozialen Krieg verstehen, betont das seine gewaltsame und zerstörerische Komponente.

 

Ein kapitalistischer Angriff kann sich zu seiner Durchsetzung verschiedene Mittel bedienen, die vom sozialen bis zum militärischen Krieg reichen. Detlef Hartmann schlägt vor, wie man demnach Krieg als „schöpferische Zerstörung“ im Sinne Josef Schumpeters verstehen kann: Die gezielte Zerstörung von Beziehungen und Funktionsweisen sozialer, ökonomischer und politischer Natur, von Produktions- und Lebensformen sind Ausdruck des so verstandenen Krieges mit dem Ziel einer Sicherung und Erneuerung der Profitmöglichkeiten. Hartmann betont, „dass der Kapitalismus kein System ist, sondern ein gewaltsamer Prozess, in dem die dynamischen kapitalistischen Kerne ständig nach technisch-sozialen Möglichkeiten suchen, tradierte Formen sozialer Reproduktion und Gesellschaftlichkeit zu zerstören, um die daraus gewonnenen lebendigen Partikel neuen Formen der Arbeitswertauspressung zu unterwerfen.“ Dies verstehen wir als sozialen Krieg und zwar weil er sich nicht primär militärischer Mittel bedient und nachhaltig in die Sozialstrukturen eingreift.

 

Sowohl der soziale wie auch der militärische Krieg (um diese Unterscheidung trotzdem wieder zu machen…) bedienen sich der Aufstandsbekämpfung, um die sozialen ökonomischen und politischen Verhältnisse anzugreifen und umzugestalten. Dabei handelt es sich um jenen „facettenreichen Krieg“, der auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln angreift. Er baut, er beobachtet und forscht, er integriert und schliesst aus, er schreit, lügt und manipuliert, er sperrt ein, er foltert und tötet. Und die Kriegsstrategen der Nato und der EU bereiten sich darauf, vor dass dieser Krieg in der „Ersten Welt“ in eine neue Phase kommen wird.

 

Auch wenn dieser Angriff alle trifft, treffen kann, so zielt er doch genau. Und zwar auf die Überflüssigen, die Gefährlichen, die Illegalen, die Armen. Die Durchsetzung dieses Angriffs von oben nach unten verläuft natürlich nicht reibungslos. Der soziale Krieg setzt seine Angriffe gegen mögliches und reales widerständisches Verhalten mit Hilfe der Aufstandsbekämpfung durch.

 

Nun ist es natürlich nicht wahnsinnig überraschend, dass sich die Kriegsstrategen auf Aufstände vorbereiten. Aber wir können später nicht sagen, wir hätten von nichts gewusst, wenn ihre Strategien funktionieren. Und wir können sie jetzt studieren, um unsere Gegenstrategien zu entwickeln. Denn, „dies ist ein sehr wichtiger Zeitpunkt, all das zu diskutieren. Die Geschichte ist noch offen, das Zeitfenster kennen wir nicht. Riesig ist es sicher nicht.“

 

 

Aufstandsbekämpfung in befriedeten Gebieten/Ländern

 

Bevor wir zu den Gegenstrategien kommen, werden wir noch versuchen, den Begriff Aufstandsbekämpfung in einem stark befriedeten Kontext mit Inhalt zu füllen.

Wir können und wollen Aufstandsbekämpfung nicht als etwas begreifen, das nur dort passiert, wo tatsächlich Kriege toben (mit Soldaten, Bomben und Panzern) oder (soziale) Konflikte sehr wahrscheinlich in aufständische Situationen übergehen könnten, sondern als Strategien und Ideen, welche auch in eher befriedeten Kontexten (Schweiz, Deutschland usw.) von den Herrschenden erdacht und als potenzielles Mittel im Kampf gegen Unruhen in Betracht gezogen werden.

 

(Beispiel Deutschland: Im August 2012 erlaubte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe erstmals bewaffnete Armeeeinsätze in Innern, „noch“ mit starken Einschränkungen; Beispiel Schweiz: Im September 2012 wurde in der Schweiz die „Stabsrahmenübung Stabilo Due“ durchgeführt, mit der die Armee Einsätze im Innern gegen mögliche Unruhen übte. Auch wird von der Schaffung einer 1600 Mann starken Militärpolizei geredet, um wichtige Punkte im Inland zu sichern und mögliche Flüchtlingsströme zu kontrollieren. „Ich schliesse nicht aus, dass wir in den nächsten Jahren die Armee brauchen", sagte der Verteidigungsminister Ueli Maurer dem “Sonntag” vom 7.10.2012.)

Besonders im Zuge der momentanen Krise, die vor allem auch ein kapitalistischer Angriff ist (harte Sparmassnahmen im Sozialbereich, Angriff auf Arbeitsrechte, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen), den daraus folgenden “sozialen Spannungen” und dem Widerstand gegen die Durchsetzung des Angriffes, bereiten sich die Herrschenden auf eine Niederschlagung oder Verhinderung von Aufständen mit militärischen Mitteln vor. Doch auch wenn im Zuge der Krise eine Tendenz hin zu militärischer Aufstandsbekämpfung stattfindet, darf sie nicht auf nur diesen Aspekt reduziert werden.

 

Denn je kleiner die Wahrscheinlichkeit einer unkontrollierbaren Situation, desto mehr geht es um (präventive) Massnahmen, welche die Normalität hervorbringen und erhalten sollen. Es handelt sich demnach um Massnahmen, Praktiken, Techniken zur Sicherung (und Optimierung) der kapitalistischen Normalität wie auch zur Kontrolle von Gebieten/ Orten, in denen soziale Spannungen vorkommen und in denen der staatliche/ polizeiliche Zugriff nicht uneingeschränkt funktioniert.

 

Ein paar Stichworte dazu, wie der soziale Frieden abgesichert wird (als Mittel des sozialen Krieges):

 

- Einbindung des Risikos, Integration des “brauchbaren Teils”: Ausweitung der Scheinpartizipation (z. B. Gewerkschaften), „direkte Beteiligung“ der BürgerInnen, punktuelles Eingreifen (oberflächliches „in die Schranken weisen“ des „ausser Kontrolle geratenen“ Bankensektors) oder Gewährenlassen (Politik der Stadt Zürich zum Hausbesetzen: Gewähren lassen und daher Ruhigstellen einer „Bewegung“), „Fremdprojektion“ der möglichen Unzufriedenheit auf ein Aussen (MigrantInnen, Rolle des Rassismus), Re-/ Produzieren von Normen/ Vorstellungen

 

- Kriminalisierung des “unbrauchbaren und/oder nicht-integrierbaren Teils”: starke Polizeipräsenz, verstärkte Repression, Überwachung, omnipräsente private Sicherheitsdienste, private Drohneneinsätze, um z.B. Grossbaustellen zu überwachen; teilweise geschieht dies durch die Schaffung einer Sicherheitshysterie in der Gesellschaft. Diese Sicherheitshysterie legitimiert auch die zivil-militärische Zusammenarbeit.

 

- Zusammenarbeit von Sozialdiensten mit der Polizei. Erkennen und erforschen von sozialen Kontexten.

 

Die erwähnten Beispiele sind weder neu noch aussergewöhnlich. Doch das Zusammendenken dieser zwei Aspekte der Sicherung des sozialen Friedens (Einbindung und gleichzeitig Versicherheitlichung/ Kriminalisierung) erlaubt, die Aufstandsbekämpfung als „facettenreichen Krieg“ zu verstehen und mit Inhalt zu füllen. Integration und Kriminalisierung als zwei Aspekte der Aufstandsbekämpfung sind nicht klar voneinander abgrenzbar. Deutlich wird dies beispielsweise bei der Zusammenarbeit von Sozialdiensten mit der Polizei, im Erkennen und Erforschen und “Bearbeiten” sozialer Kontexte.

 

 

2. TEIL „GEGENSTRATEGIEN“

 

Dieser soziale Krieg wird in allen Lebensbereichen gegen uns geführt. Der Angriff richtet sich gegen sämtliche Aspekte des Lebens mit dem Ziel ihrer Ausrichtung an kapitalistischen Verwertungsmaximen. Was wir betonen wollen, ist die „Ganzheit“ dieses Angriffs im sozialen Krieg. Aus der Feststellung der Allgegenwart potenzieller Fronten lässt sich folgern, dass unsere Antwort von überall ausgehen kann. Diese Ausgangslage gleicht einem Fass ohne Boden. Daraus folgt aber nicht die Beliebigkeit unserer Strategie, sondern ein sehr greifbarer Ansatz: das Leben selbst. Was wir damit meinen, versuchen wir nun zu konkretisieren:

Welche praktischen Konsequenzen lassen sich aus dieser Auseinandersetzung mit Aufstandsbekämpfung ziehen? Wie handeln, um nicht Teil ihrer Strategie zu werden? Welche Konsequenzen aus der theoretischen Auseinandersetzung ziehen? Dazu müssen wir uns die Frage stellen, was die Aufstandsbekämpfung am Funktionieren hindern kann. Vielleicht ein Aufstand. Oder etwas weniger banal: Aufstandsbekämpfung funktioniert besser, wenn ihre Massnahmen auf Menschen treffen, die isoliert, ohne kollektive und solidarische Strukturen leben (und wenn nicht, ist genau das die Absicht: sie zu vereinzeln). Sie funktioniert weniger gut bei Menschen, die sie verstehen und ihren Angriffen (und dem wofür sie stehen) feindlich gegenüberstehen. Kurz: Klare Positionen gegen die ganze Scheisse und Strukturen, die einen Angriff stärken. Verhindern, dass die Trennung zwischen „Eingebundenen“ und „Isolierten“ (Kriminalisierten) erreicht werden kann.

 

Was also tun an einem Ort, an dem Aufständsbekämpfung funktioniert, ohne Anzeichen von Aufstand oder bloss der Bereitschft zum Konflikt? Diese Frage haben wir durchdiskutiert. Von hinten und von vorne, umgekehrt und noch einmal. Es liegt auf der Hand, dass wir keine abschliessende Antwort gefunden haben. In unsereren Auseinandersetzungen sind wir jedoch auf einige Gedanken gestossen, die wir zur Diskussion stellen wollen, weil wir erstens glauben, dass sie richtig und wichtig sind und weil sie eine Möglichkeit darstellen, ihre Strategie der Aufstandsbekämpfung in unsere Gegenstrategien einzubeziehen.

 

Grundsätzlich ist eine Gegenstrategie zur Aufstandsbekämpfung auch eine Strategie gegen den Kapitalismus. Diese relative banale Feststellung erlaubt es, die Frage nach den Gegenstrategien gegen Aufstandsbekämpfung damit in Beziehung zu bringen, was wir und andere sonst so gegen den Kapitalismus unternehmen. Damit solche Unternehmungen erfolgreich sein können, müssen sie sich auf drei Ebenen bewegen, oder drei Bereiche umfassen: “Erfolgreicher” Widerstand umfasst erstens die Notwendigkeit materieller und organisatorischer Strukturen. Zweitens die Notwendigkeit Kämpfe zu führen, Fronten zu bilden. Und drittens die Notwendigkeit einer Perspektive, einer Utopie, der Fähigkeit sich in Beziehung zu anderen, zur Welt zu setzten und ein Handeln daraus ableiten zu können. Diese drei Bereiche lassen sich natürlich nicht wirklich trennen. Sie überschneiden sich, bedingen sich und wirken auf einander ein. Ihre Trennug auf analytischer Ebene erlaubt jedoch eine feineres Verständnis des Möglichen und des Notwendigen.

 

Ein Beispiel: Leute besetzen Land, weil sie nichts zum Wohnen haben. Aus einer Notwendigkeit heraus bauen sie sich eigene Strukturen, organisieren sich, organisieren ihr Leben. Dem Staat missfällt das, die Leute sollen vertrieben werden, doch sie wehren sich. Sie führen einen Kampf für ihre Strukturen. Im Verlauf der Selbstorganisation und deren Verteidigung entwickeln sich Wege der Kommunikation und Auseinandersetzung. Die Entwicklung einer Strategie fürs Überleben hängt aufs Engste zusammen mit der Positionierung zum Ganzen. Die Verteidigung der Autonomie bedingt den Wunsch, sie zu verteidigen, bedingt eine Utopie, einen geistigen Raum, der ein Stück weit vom Herrschenden befreit wurde. Und sei es nur soviel, dass Anderes grundsätzlich denkbar wird.

 

In einem Beitrag zur Camp-Diskussion wird genau das angesprochen, was wir auf der dritten Ebene verorten würden (und was natürlich enorme Konsequenzen für die anderen Bereiche hat):

 

Das Konstruktive der Aufstandsbekämpfung besteht heute – am Ende der Geschichte des Fortschritts (und seiner falschen Versprechungen) - darin, uns glauben zu lassen, dass wir keinen Einfluss auf die Wirklichkeit haben. Dass wir unsere Perspektive nicht ändern können, selbst wenn das existierende System keine mehr anbietet. Ob wir das einfach glauben oder hochgelehrt herleiten, ob wir aus Gleichgültigkeit nichts anderes versuchen, aus Angst vor Vereinnahmung oder aufgrund militärischer Übermacht ist aus Sicht der Aufstandsbekämpfung egal. Was zählt ist der Effekt. Ohne die Vorstellung von einer autonomen Perspektive bleiben unsere Linienstreits, so radikal sie in Theorie oder Praxis auch sein mögen, anschlussfähig an ihre Second-Life-Strategie: Eine Zusammenleben zu konstruieren, das als Anpassungskreis funktioniert, insofern wir es als selbstverständlich erachten, auf den Staat als Mittler notwendig angewiesen zu sein. Insofern unsere Erinnerung nicht von unserer Unterwerfung erzählt, der Zerstörung nicht konformer Solidaritäten und kollektiver Unabhängigkeiten, der äußerst gewaltsamen Herstellung individueller Erpressbarkeit als Grundlage des folgenden Wiederauffüllens mit Gütern und Dienstleistungen. Realitätskontrolle.” (Eine zweigleisige Strategie – Beitrag zur Camp-Diskussion)

 

Wenn wir das Leben als Ausgangspunkt für unsere Gegenstrategien nennen, dann meinen wir seine Wiederaneignung, die alle drei der genannten Beriche umfassen muss. Die Kontrolle über unser Leben wiederzuerlangen (eher wohl zu erkämpfen) darf sich nicht auf materielle Strukturen reduzieren. Ein solcher Versuch müsste tendenziell marginal und reformistisch bleiben. Eine Rückaneignung bloss materieller Strukturen, nehmen wir das Beispiel eines kollektiven Gemüsegartens, bleibt solange ein Nischending, bis er sich vom ersten Bereich auf die andern zwei auszubreiten und diese zu verbinden vermag. Um den Garten, sprich die materielle Basis unseres Lebens tatsächlich verteidigen zu können, braucht es unweigerlich Waffen aller Art, aber auch eine Idee davon, wie und in welche Richtung wir sie führen wollen. Die Rückaneignung unseres Lebens meint nämlich vor allem auch die (Wieder-) Aneignung unserer intellektuellen Kompetenz im Sinne einer Fähigkeit zur gemeinsamen Auseinandersetzung über das Jetzt, das Morgen und das Dazwischen. Oder eben Erinnerung, Wahrnehmung, Bewusstsein, Perspektiven.

 

Die Einsicht in die Notwendigkeit von Verständnis und Theorie des sozialen Krieges, in die Notwendigkeit einer Strategie, steht eine gewisse Ratlosigkeit gegenüber, wie denn das gehen soll. Natürlich brauchen wir Theorien und Strategien, doch wer macht sie und vor allem: Wie teilen wir sie? Und mit wem? Es stellt sich die altbekannte Frage, wie wir unsere Analysen kommunizieren und unsere Positionen in den Diskurs werfen sollen. Die Frage, wie, mit wem und worüber wir reden hängt wesentlich mit der Frage zusammen, wie wir uns unsere geistigen oder intellektuellen Fähigkeiten wiederaneignen.

 

Die Rückaneignung/ Selbstorganisation im materiellen Bereich bleibt solange unzureichend, banal, isoliert… bis sie sich mit der Rückaneignung einer perspektivischen Kompetenz verbindet. Das heisst, wir brauchen die Fähigkeit, zu sprechen, zu benennen, zu analysieren, zu denken, zu streiten, in Frage zu stellen, zu planen… Kurz: Wir brauchen die Fähigkeit, gemeinsam oder kollektiv (oder was auch immer, auf jeden Fall nicht allein) eine Perspektive zu entwickeln. Den Mangel einer geteilten Sprache, Utopie, Diskussion zwischen “uns” und “anderen” sehen wir als eines der wichtigsten Hindernisse, die es zu überwinden gilt.

 

Die analytische Trennung von Widerständigem in die drei Bereiche macht es auch möglich, genauer zu erfassen, wo Aufstandsbekämpfung ansetzt. An einigen Orten steht dabei die Zerstörung von Strukturen im Vordergrund, an anderen Orten soll ein militärisch aufgerüsteter Sicherheitsapparat Kämpfe verhindern und beenden. Wieder anderswo, oder hier, im Herzen der Befriedung, betreffen die Massnahmen der Aufstandsbekämpfung mehr den dritten Bereich. Die Dominanz der Massnahmen in einem bestimmten Bereich anzunehmen, heisst natürlich nicht, sie vollends darauf zu reduzieren. Wir glauben jedoch, dass diese analytische Trennung uns hilft, einerseits zu sehen, was genau Aufstandsbekämpfung ist, und andererseits wie sie sowohl “hier” als auch ganz woanders funktioniert.

 

Wenn wir also einen Fokus auf den dritten Bereich legen, so heisst das für uns nicht, keine Strukturen aufzubauen, oder spezifische Kämpfe nicht zu führen. Es heisst vielmehr, dass wir dem Funktionieren der Aufstandsbekämpfung in unserer Praxis Rechnung tragen wollen. Und das wiederum könnte bedeuten, dass wir wieder eine Perspektive brauchen, dass wir mit Stolz und Angriffslust eine Position beziehen müssen, um sie auf Spiel setzen zu können. Und zwar nicht, indem wir im beschaulichen Szenekreis an der Perfektionierung unserer Strategie arbeiten, sondern indem wir nach einer Sprache, nach Orten, nach Auseinandersetzungen suchen, die Raum schaffen für ein Nichtfunktioneren der Aufstandsbekämpfung. Dafür, dass die notwendigen Trennungen (z. B. integrierbar, kriminalisiert) nicht mehr funktionieren.

 

Dabei geht es darum, unser Leben, unsere Köpfe und Herzen dem herrschenden Zugriff zu entreissen, sie zu „Räumen begrenzter Staatlichkeit“ zu machen. Auch hier gilt, dass sich diese perspektivische Kompetenz zwingend in Kämpfen äussern muss. Die Verbindung von Strukturen, Kämpfen und perspektivisch-intellektuellen Kompetenzen ergibt vielleicht jenes Gemisch, das uns die Stärke gibt, einen Aufstand nicht nur zu beginnen, sondern über ihn hinauszugehen.

 

Wenn wir also versuchen, uns unserer Leben zurückzunehmen und uns mit jenen zusammentun, die das ihre wieder wollen, wenn wir Strukturen aufbauen, Kämpfe führen, Theorien und Strategien entwickeln, sollten wir beachten, dass wir uns auf unterschiedlichen Ebenen bewegen müssen, um dem Funktionieren der Aufstandsbekämpfung ein Schnippchen zu schlagen.

 

Eine Rückaneignung materieller Strukturen und intellektueller Kompetenzen lässt sich also als ein permanenter, direkter Gegenangriff im sozialen Krieg verstehen.

 

In diesem Sinne…